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Trauma: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Mittwoch, 19. Januar 2011 - 15:14

9jähriges Pflegekind wird jahrelang misshandelt. Lkw-Fahrer übersieht junge Radfahrerin. Vier 18 bis 24jährige überleben Autounfall schwer verletzt. Wir gedenken der Opfer des Tsunami von 2004. Vater von zwei Kindern ersticht seine Frau im Affekt. Das Zugunglück von Eschede fordert ein weiteres Opfer. Weitere Nachbeben auf Haiti zu erwarten. Mit 10 zur Prostitution gezwungen. Jugendliches Mobbing Opfer begeht Selbstmord. Es vergeht kein Tag an dem nicht von Schreckensnachrichten wie diesen berichtet wird. Es wird unterstellt, dass ein großer Teil der Betroffenen ohne weitere Schäden diese Traumata überwinden. Nicht berichtet wird, wie die Betroffenen mit solch traumatisierenden Lebensereignissen umgehen, ob sie Heilung finden oder ob sie vielleicht ihr Leben lang unter den Folgestörungen dieser Traumata leiden.

Der Inhalt dieses Artikels befasst sich mit der Definition und Diagnostik von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen nach den gängigen klinisch-diagnostischen Leitlinien des ICD-10 und des DSM-IV. Des Weiteren wird der Unterschied zwischen Ätiologie (Ursache) und Pathogenese (Entstehung und Entwicklung) erarbeitet, um ein Verständnis für die Entstehung, Auswirkungen und die Schwere der Konsequenzen von Traumata für Kinder und Jugendliche verständlich zu machen. Im Mittelpunkt dieses Artikels stehen aber auch die Folgestörungen durch Traumata in der Kindheit, die anhand aktueller Forschungsergebnisse aus den USA eine neue Sichtweise auf Traumata in der Kindheit eröffnen sollen. Traumata können eine Stresswältigungsstörung zur Folge haben, die durch Traumatherapie behandelt werden sollten.

Definition von Traumata

Ein Trauma begreift sich als ein Ereignis und als eine Reaktion. Ein traumatisches Ereignis ist gekennzeichnet durch eine aktuelle oder angedrohte ernsthafte Verletzung oder Tod. Beispiele von traumatischen Ereignissen sind Kriegserlebnisse, sexuelle Übergriffe und Missbrauch, interpersonelle emotionale und körperliche Angriffe, natürliche und von Menschen verursachte Katastrophen, Angriffe von Terroristen und Verkehrsunfälle (APA, 2000). Diese Differenzierungen von verschiedenen Arten von Traumata betreffen Kinder- und Jugendliche genauso wie Erwachsene.

Ein Trauma ist nicht nur ein Ereignis, denn darüber hinaus kann ein Trauma auch eine Reaktion sein. Die Reaktion einer Person auf ein traumatisches Ereignis beinhaltet intensive Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Schrecken, Schuld und Scham. Die individuelle gefühlsmäßige Reaktion und subjektive Bewertung der Situation sind ein integraler Teil der Definition eines Traumas. Des Weiteren werden auch Ereignisse als traumatisch bezeichnet, bei denen Personen Zeugen von schweren Unfällen sind oder wenn jemand vom gewaltsamen Tod eines Freundes oder Familienmitgliedes erfährt (APA, 2000).

Traumatische Ereignisse kommen nicht nur einzeln vor; Traumata können auch chronisch sein. Zum Beispiel wenn Kinder prolongiert psychisch und physisch missbraucht werden, unter der Armutsgrenze oder in gefährlichen Gegenden leben müssen. Traumata sind Stressbewältigungsstörungen und diese Stressbewältigungsstörungen sind besonders verbreitet in Gegenden wo viele Menschen chronischem Stress ausgesetzt sind wie zum Beispiel in Kriegsgebieten wie Bosnien oder in gewalttätigen Milieus wie Neukölln oder Marzahn – oder in dysfunktionalen Familien. Als schwächstes Glied in der Kette, sind Kinder in erhöhtem Maße gefährdet chronisch oder komplex traumatisiert zu werden. Ein Trauma wird umso schlimmer erlebt, je näher der Verursacher des Traumas dem Kind steht. Ein Beispiel für diese Art Trauma ist der intrafamiliäre körperliche, emotionale oder sexuelle Missbrauch (Typ-II Trauma) oder der sequenzielle über viele Jahre andauernde Missbrauch (Typ-III Trauma). Als Folge von Traumata kann eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder sogar eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung entstehen.

Ätiologie (Ursache) der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Das Wort Ätiologie kommt aus dem griechischen und definiert sich als die Lehre von der Ursache von Krankheiten. In der klinischen Psychologie verweist die Ätiologie auf die Ursache einer psychischen Störung, in diesem Falle auf die Ursache einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), nach DSM-IV auch post traumatic stress disorder (PTSD) genannt, ist eine verzögerte und lang anhaltende Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis. Dieses belastende Ereignis ist in der Regel mit einer extremen Bedrohung verbunden, wie dies bei emotionaler, sexueller und körperlicher Gewalt, Naturkatastrophen oder Krieg der Fall ist. Dabei spielt es keine Rolle wie lange das traumatische Ereignis angehalten hat. Auch Kinder und Jugendliche, die nicht unmittelbar bedroht waren, die aber Augenzeuge der Situation waren, können eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln. Zum Beispiel, wenn Kinder mit ansehen müssen wie der Vater die Mutter misshandelt. Die betroffenen Kinder durchleben diese traumatischen Geschehnisse immer wieder, so zum Beispiel in Form von Schreckreaktionen, sich aufdrängenden Erinnerungen, Albträumen oder Flashbacks. Die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind kausal. Das bedeutet sie stehen im engen Zusammenhang zwischen einem traumatischen Ereignisse und deren Folgen (WHO, 2005).

Diagnostische Kriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Die verschiedenen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) treten normalerweise mit einer Verzögerung von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten nach einem traumatischen Geschehen auf. Es gibt aber auch Fälle bei denen sogar nach Jahren nach dem traumatischen Ereignis erst Symptome auftraten. Das betroffene Kind durchlebt die traumatische Situation dabei immer wieder in Form von sich aufdrängenden Gedanken und Bildern auch Intrusionen genannt. Diese sind aber nicht zusammenhängend sondern können Erinnerungslücken aufweisen. Auch Flashbacks in Form von Bildern sind ein Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), in denen plötzlich albtraumartige Eindrücke oder Erlebnisse des Traumas sich aufdrängen. Weitere Symptome sind Ängste, Albträume oder auch Tagträume. Vollständige oder partielle Erinnerungslücken werden als sehr belastend wahrgenommen (WHO, 2005).

Die drei Leitsymptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung für Erwachsene nach ICD-10 sind:

Intrusionen in Form von Flashbacks, Albträume oder sich aufdrängende Gedanken oder Erinnerungen.
Konstriktionen sind ein Vermeidungsverhalten bei denen die Person Situationen und Reize vermeidet, die an das Trauma erinnern. Hierbei kann auch eine emotionale Taubheit (numbing) auftreten. Die Person zieht sich aus dem sozialen Leben zurück und zeigt kein Interesse mehr an Dingen, die ihr oder ihm vorher Freude bereitet haben. Die traumatisierte Person wirkt lustlos, teilnahmslos oder gleichgültig.
Autonomes Hyperarousal: Dieses Syndrom beschreibt Symptome einer Übererregung wie Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Überempfindlichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Ängste (WHO, 2005).

Weitere charakteristische Symptome für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) können Müdigkeit und leichte Erschöpfbarkeit sein. Es besteht eine erhöhte Komorbidität zu Depressionen und Süchten. Die Gefahr Suizidgedanken zu entwickeln ist erhöht. Weitere mögliche Symptome können Gefühle von Entfremdung sein. Ein Auftreten von körperlichen Beschwerden oder die Verstärkung bereits vorhandenen körperlicher Symptome ist oft ein weiteres Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Diese Symptome wurden für Erwachsene ermittelt, gelten aber auch für Kinder und Jugendliche. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auch durch Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar machen. Aggressives Verhalten oder das wiederholte Nachspielen der traumatischen Situation sind Beispiele für solche Verhaltensänderungen. Kinder und Jugendliche variieren in der Art und Weise wie sie auf ein traumatisches Ereignis reagieren (WHO, 2005).

Die Reaktion von Kindern ist stark beeinflusst von ihrem individuellen Entwicklungsstand, von ethnischen und kulturellen Faktoren, ob ein vorhergehendes Trauma vorhanden ist, von vorhandenen Ressourcen, oder vorher vorhandenen Problemen des Kindes oder der Familie. Es ist jedoch erwiesen, dass fast alle Kinder und Jugendlichen in der akuten Phase der Erholung von einem traumatischen Ereignis auf irgendeine Art und Weise Stress oder Verhaltensänderungen zeigen. Nicht alle kurzzeitigen Verhaltensweisen bedingt durch ein Trauma sind problematisch, denn einige Verhaltensveränderungen mögen der adaptive Versuch sein mit dem traumatischen Ereignis umzugehen. Beispiele für diese Verhaltensveränderungen sind:

–       die Entwicklung von neuen Ängsten
–       Trennungsangst insbesondere bei jüngeren Kindern
–       Traurigkeit
–       der Verlust an dem Interesse von zuvor bevorzugten Aktivitäten
–       mangelnde Konzentration
–       Verschlechterung in der Schule
–       Wut
–       somatische Beschwerden wie Bauchschmerzen
–       Reizbarkeit und Überempfindlichkeit (APA, 2000).

Diagnostik der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung

Erste seit 1992 wird der Begriff Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung im amerikanischen Sprachraum verwendet. Die Namensgeberin Judith Herman definiert eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung als Stressbewältigungsstörung bedingt durch lang anhaltende und existentiell bedrohliche Lebensumstände wie emotionaler, körperlicher oder sexueller Missbrauch durch Bindungspersonen. Der Unterschied zur Posttraumatischen Belastungsstörung liegt im weiten Spektrum der Symptome die sich durch affektive, kognitive und psychosoziale Beeinträchtigungen bemerkbar machen und dadurch über einen längeren Zeitraum auftreten (Herman, 2003). Darunter zu verstehen sind „Störungen von Affekten und Impulsen, dissoziative Störungen, Störungen der Selbstwahrnehmung, Störungen in der Beziehung zu anderen Menschen, Somatisierungsstörungen, und Veränderungen von Lebenseinstellungen“ (Huber, 2005, S. 3). Michaela Huber beschreibt, dass bis zu 60 % der Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung primär komplex traumatisiert sind (Huber, 2005).

Häufigkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Über die Häufigkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen gibt es unterschiedliche Angaben. Bei Stichproben in den USA fand man heraus, dass ungefähr 2/3 aller Kinder und Jugendlichen bis zu ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal ein traumatisches Erlebnis hatten. Die geschätzte Rate, dass Kinder oder Jugendliche Augenzeuge von Gewalt in der Gesellschaft sind, liegt zwischen 39 % und 85 % und das Sie selbst zum Opfer werden liegen bei 66 %. Die Rate von sexuellem Missbrauch liegt zwischen 25 % und 43 %. Die Rate für traumatische Ereignisse in Form von Katastrophen ist geringer als für andere Geschehnisse, aber wenn eine Katastrophe geschieht, dann ist meist eine große Anzahl von Kinder und Jugendlichen betroffen, so zum Beispiel bei dem Erdbeben auf Haiti (APA, 2008). In Fällen von Missbrauch innerhalb von Familien muss zudem mit einer erhöhten Dunkelziffer gerechnet werden.

Im letzten Jahrzehnt  wurden ca. 2,5 Milliarden Menschen weltweit von Katastrophen heimgesucht, ein großer Anteil davon waren Kinder und Jugendliche. Andere akute und potentiell traumatische Ereignisse ereilen viele Kinder, wie zum Beispiel durch Autounfälle, Stürze, Feuer, Hundeattacken, Beinah-Ertrinken oder durch Einwirkung von Gewalt durch Menschenhand. Die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, der ökonomische Status, und das Geschlecht haben einen Einfluss auf das Risiko als Kind oder Jugendlicher traumatisiert zu werden. Zum Beispiel ist bewiesen, dass mehr Jungs als Mädchen körperlicher Gewalt ausgesetzt sind und gefährliche Verletzungen davontragen, vor allem wenn der soziale Status geringer ist. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit höher als Mädchen sexuell missbraucht zu werden. Es wird geschätzt, dass etwa jedes 4. bis 5. Mädchen im Laufe Ihres Lebens Opfer von sexueller Gewalt wird (APA, 2008).

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe der Kindheit mindestens einmal Opfer eines traumatischen Ereignisses zu werden ist relativ groß und Kinder und Jugendliche die chronisch und lang anhaltend traumatisiert werden sind besonders gefährdet eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln (APA, 2008).

Pathogenese (Entwicklung) der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

Während sich die Ätiologie mit der Ursache einer psychischen Krankheit beschäftigt, so definiert sich Pathogenese als die Lehre der Entstehung und Entwicklung einer psychischen Krankheit unter Berücksichtigung aller möglichen Faktoren. Das bedeutet, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und besonders eine Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung ist multifaktoral. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wären dies die Art und Schwere des Traumas, wie zum Beispiel Monotrauma (Typ-I Trauma) wie Unfall oder multiple Traumata wie zum Bespiel langjähriger Missbrauch (Typ-II Trauma).

Neben der Art und Schwere des Traumas sind noch die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren des Betroffenen für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung von Bedeutung. Mit biologischen Faktoren sind genetische Dispositionen der betroffenen Person gemeint. Darunter fallen Persönlichkeitsmerkmale wie angeborener Optimismus, Introversion, familiär bedingte Affektstörungen oder eine sehr stabile Natur (hardy personality). Als psychische Faktoren verstehen sich der jeweilige psychologische Entwicklungsstand,  kognitive Wahrnehmungen, die Interpretation, Attribution und Antizipation von Ereignissen – sozusagen den Blick auf und in die Welt.

Die sozialen Faktoren wie eine stabile Familie, eine nun sichere Umgebung, die gesellschaftliche Unterstützung während und nach dem Trauma, die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe und die wirtschaftlichen Umstände in der die Person sich befindet, haben ebenso einen großen Einfluss auf die Entwicklung, den Verlauf und die Heilung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Diese Faktoren können protektiv sein und als Ressourcen dienen; und damit einer chronischen Traumatisierung vorbeugen. Das Fehlen all dieser oder einzelner Faktoren kann auch dazu beitragen, dass eine Heilung erst verspätet oder gar nicht möglich wird. Physische und psychische Folgestörungen können das Resultat sein.

In Bezug auf die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen ist ein Trauma die Ursache. Sie stellt ätiologisch den Ausgangspunkt der Pathogenese dar und bringt sozusagen die Krankheitsentstehung ins Rollen. Für Kinder und Jugendliche birgt dies einen Eingriff in ihren neuronalen Entwicklungsprozess und damit in das zukünftige kognitive, emotionale, motorische und soziale Verhalten. Neueste Untersuchungen zeigen, dass Folgestörungen welche durch Traumata verursacht werden, bislang unterschätzt bzw. nicht in Betracht gezogen wurden, wenn es darum geht Kindern und Jugendlichen den bestmöglichen Start in ein gesundes Erwachsenenleben zu geben. Im folgenden Abschnitt werden einige dieser Untersuchungen zusammengefasst, um die Wichtigkeit und vor allem die Dringlichkeit aufzuzeigen, damit Kinder und Jugendliche vor Folgeschäden von Traumata bewahrt werden können.

Folgestörungen von PTBS und Komplexer PTBS

Lebensbedrohliche Ereignisse und andauernde Traumatisierung durch Bindungspersonen verändern die komplexen biochemischen Abläufe und damit die zukünftige kognitive Verarbeitung von Sinnesreizen. Das weitere Leben der betroffen Kinder wird durch die Traumatisierung tief greifend und nachhaltig beeinflusst. Die mittlerweile fundierten Erkenntnisse der Plastizität unseres Gehirns und die damit veränderten Denk- und Verhaltensmuster, emotionale Zustände und somatischen Reaktionen durch Traumata erklären heute eine Vielzahl von möglich auftretenden Folgestörungen. Zum Beispiel ist bewiesen, dass das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie eine Reduktion der Lebenserwartung bedingen kann oder zu einer Ansammlung von Gesundheitsproblemen führt. Dies verdeutlichen die folgenden Forschungsergebnisse.

Janice Kiecolt-Glaser von der Ohio State University of Medicine erklärt, das Kinderheitstraumata das Leben um 7 bis 15 Jahre verkürzen kann. Kiecolt-Glaser und ihre wissenschaftlichen Kollegen können aufzeigen, dass stressvolle Kindheitserlebnisse messbare und lang anhaltende Konsequenzen haben. Traumata in der Kindheit wie zum Beispiel seine Eltern zu verlieren, sequenziell missbraucht zu werden, aber auch der permanente Streit zwischen den Eltern kann zu Entzündungen und Zellalterung führen, welche Kinder die nicht derartigem chronischen Stress ausgesetzt sind nicht haben. Bei dieser wissenschaftlichen Arbeit wurden 132 gesunde ältere Erwachsene untersucht und befragt, um herauszufinden wie negative Emotionen und traumatische Erfahrungen in der Kindheit den biochemischen Marker von Stress beeinflussen (Kiecolt-Glaser & Glaser, 2010).

Der Psychologe Seth Pollak von der University of Wisconsin-Madison untersuchte in einer groß angelegten Studie die Verbindung zwischen Kindheitsstress durch Missbrauch, Vernachlässigung und Armut und Veränderungen der Hormone und Gehirnaktivität. Er erklärt, das wir heute ziemlich viel wissen über die Korrelation zwischen Kindheitstraumata und Probleme und Störungen im späteren Leben, aber was wir nicht wissen ist warum das so ist. Was im Gehirn von missbrauchten Kindern passiert und was sich dabei in dem sich entwickelnden Gehirn abspielt und es so beeinflusst, dass es später zu sozialen, zwischenmenschlichen und Gesundheitsproblem kommt, weiß man noch nicht. Was man aber herausgefunden hat, ist die Tatsache dass Kindheitstraumata die Art und Weise verändert wie unser Gehirn Emotionen erkennt und lernt (Pollak, 2010).

Ein weiteres Team von Wissenschaftler von der University of Toledo of Medicine hat herausgefunden, dass eine Korrelation zwischen schwierigen Kindheitserlebnissen und schweren Kopfschmerzen im Erwachsenenalter besteht. In Anlehnung an diese Forschung hat die wissenschaftliche Gruppe von Gretchen Tietjen bestätigt, dass Kinder die emotionalen, körperlichen oder sexuellen Missbrauch ausgesetzt sind zu einer höheren Wahrscheinlichkeit unter häufigen Kopfschmerz oder Anfällen von Migräne als Erwachsene leiden. Gretchen Tietjen und ihre Kollegen benutzten die Informationen einer umfangreichen Befragungsaktion von 17.337 Erwachsenen, die Mitglieder einer Krankenversicherung sind und die Fragen zum Thema Missbrauch in der Kindheit beantworteten. Die Fragen bezogen sich auf 8 verschiedene Arten von schwierigen Kindheitserlebnissen wie emotionaler, körperlicher, oder sexueller Missbrauch, Zeuge von häuslicher Gewalt sein, das Aufwachsen in einer Familien mit psychischen Störungen, der Gebrauch von Drogen oder Alkohol durch die Bindungspersonen, Gefängnisaufenthalt einer Bindungsperson oder die Trennung der Eltern. Die Forscher fanden heraus, dass jeder Art von Missbrauch oder Vernachlässigung die Wahrscheinlichkeit von häufigen Kopfschmerzen im Erwachsenenalter erhöht. Nimmt die Zahl der verschiedenen Arten von Traumata während der Kindheit zu, so erhöht sich auch das Risiko schwere Kopfschmerzen oder Migräne im Erwachsenenalter zu entwickeln (Nauert, 2010).

Neben der erhöhten Gefahr von schweren Kopfschmerzen im Erwachsenenalter und der Gefahr einer verkürzten Lebenserwartung, zählen auch eine weitere Anzahl von psychischen und somatischen Krankheiten zu den Folgestörungen von nicht behandelten Traumatisierungen in der Kindheit. Vor allem Affektstörungen wie Depressionen und Ängste aber auch suchtbedingte psychische Krankheiten zählen zu den Folgestörungen von Traumata. Diese Traumata gefährden die normale Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems von Kindern. Es ist äußerst wichtig zu verstehen, dass die Konsequenzen von Traumata in der Kindheit einen extremen Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit dieser Kinder haben. Da der Mensch ständig in Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht, leiden auch die innerfamiliären und sozialen Beziehungen unter den Folgen von Kindheitstraumata, denn ein ehemals traumatisiertes Kind mit Bindungsstörung läuft Gefahr dies an die nächste Generation weiterzugeben.

Zusammenfassung

Die weit verbreitete Kurzdefinition in der modernen Psychologie für ein Trauma lautet, dass ein Trauma eine extreme psychische Erschütterung ist, die im Unterbewusstsein einer Person noch lange nachwirkt. Die auslösende Situation überfordert die normalen Bewältigungsmechanismen dieser betroffenen Person in besonderen Maßen. Viele neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass nicht behandelte Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) die psychische und physische Entwicklung eines Kindes mehr beeinflussen als ehemals angenommen. Es wird sogar davon ausgegangen dass die Lebenserwartung von traumatisierten Kindern um 7 bis 15 Jahre reduziert wird und dass Gesundheitsprobleme die Qualität und Funktionalität drastische reduzieren.

Meine Hoffnung liegt darin, dass die Ergebnisse all der Studien zum Thema Traumata in der Kindheit einen Paradigmen Wechsel bringen und dass traumatischer Stress, dem Kinder sehr oft ausgesetzt sind, in all seinen Formen als Gesundheitsproblem anerkannt wird. Damit könnte erreicht werden, dass ehemals traumatisierten Kindern schneller geholfen wird, um weiteres Leiden zu vermeiden und ihre Lebensqualität zu erhöhen. Ein gesundes Kind hat zudem die Chance zu einem gesunden Erwachsenen heranzureifen, der wiederum seinen Kindern ein harmonisches und stabiles Umfeld bieten kann.

Zusammenfassend möchte ich deswegen auf die Wichtigkeit von öffentlicher Information zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) von Kindern und Jugendlichen und kindlicher Entwicklung hinweisen. Wenn wir den U-Bahnschlägern, den Jugendlichen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die zunehmende Anhäufung von Magersucht und suizidalen Jugendlichen von morgen helfen wollen, sollten wir heute hinsehen. Denn das Weiterleben einer gesunden Gesellschaft, nämlich unserer Gesellschaft, hängt auch von der psychischen Gesundheit seiner Kinder ab – von den humanitären Gründen ganz zu schweigen.

Literaturverzeichnis

American Psychiatric Association. (2000). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (4th ed.). Washington, D.C.: American Psychiatric Association.

American Psychiatric Association. (2008). Trauma. Abgerufen am 26.07.2010, http://www.apa.org.

Herman, J. (2003). Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Paderborn: Junfermann Verlag.

Huber, M. (2005). Trauma und die Folgen Bd. 1 und 2. Paderborn: JunfermannVerlag.

Kiecolt-Glaser, J. & Glaser, R. (2010). Psychological stress, telomeres, and telomerase. Brain, Behavior, and Immunity, 24, 529-530. Abgerufen am 05.09.2010, http://pni.osumc.edu.

Nauert, R. (2010). Childhood abuse linked to headaches in adulthood. Abgerufen am 26.10.2010 von www.apa.org.

Pollak, S. (2005). Early adversity and the mechanism of plasticity: Integrating affective Neuroscience with developmental approaches to psychopathology. Development and Psychopathology, 17, 735-752. Abgerufen am 28.08.2010, University of Phoenix library.

WHO (2005). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Bern: Hans Huber Verlag.

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